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Einladung ins Ungewisse - Kangitanka - Naturcoaching und Seminare
2030
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green leafed tree

Einladung ins Ungewisse

Du stehst am Rande des Waldes. Du nimmst Dir Zeit anzukommen, nachzuspüren und zu lauschen. Innerlich bittest Du um Einlass. Dann stehst Du einfach da und wartest. Es gibt nichts zu tun und Du wartest weiter. Der melancholische Gesang einer Mönchsgrasmücke erfüllt die Baumkronen, ein Springkrautblatt winkt Dir emsig zu. Vom Wind bewegt? Vermutlich. Die Zweige der Hainbuche scheinen sich Dir zuzuwenden. Du wartest, bis der Wald Dich einlässt und auch der Wald wartet darauf, dass Du Dich auf ihn einlässt. Nun ist der Augenblick gekommen und der Raum vor und in Dir scheint sich zu öffnen, sich auszudehnen. Du machst einen ersten Schritt mit dem Geräusch von Gras unter Deinen Füßen und tauchst ein in eine Welt voller Ungewissheit, die Dich berühren und verwandeln wird.

Wann hast Du das letzte Mal auf diese Art einen Wald betreten und am Rand gewartet, bis er wirklich bereit war Dich zu empfangen? Bei einem einfachen Spaziergang machen wir uns darüber in der Regel keine Gedanken, sondern stapfen wohlgemut durch Wald und Wiesen. Das ist natürlich entspannend, gesund und bereichernd für Körper und Geist. Es gibt jedoch noch eine andere Art tiefer in die Natur einzutauchen, indem wir unsere gewohnte Alltagswelt bewusst verlassen, und uns ganz intuitiv und ohne Ziel dem Abenteuer des Unbekannten hingeben. Visionssuchen, Waldbaden, Naturtherapien und Naturcoachings praktizieren dieses Eintauchen als Schwellengang und beginnen dabei mit einem kleinen Ritual – einem achtsamen Schritt über eine sichtbare oder unsichtbare Grenze.

Das Land hinter der Schwelle

Ein Schwellengang berührt unsere Seele und entführt uns aus unserem Alltag in eine Welt der archaischen Mythen und der rätselhaften Phänomene, in der glucksende Bäche wie Nymphen singen und Mondlicht die Bäume mit einem Schleier des Geheimnisvollen versilbert. Dort kann ein kaum gehörtes Bedürfnis nach tiefer Verbundenheit endlich gestillt werden und eine innere Wandlung geschehen. Was es für einen Prozess dieser Art jedoch braucht ist ein kurzer Moment, in dem wir alle Gewissheiten loslassen, und uns stattdessen auf das Ungewisse, die geheimnisvolle Welt hinter der Schwelle einlassen, die nicht mehr aus Photosynthese und Mineralien besteht, sondern aus tanzendem Licht und rauschenden Felsen.

Was uns hinter der Schwelle erwartet ist nicht vorhersehbar, und doch wird plötzlich jeder Baum, jeder Strauch, jeder Stein von einer geheimnisvollen, unergründlichen Aura umgeben. Unsere Ausrichtung, unser Blick auf die Welt hat sie verändert, alte Bedeutungen und Vorurteile verschwimmen und wir staunen über Baumgestalten, Wolkenzeichen und Schätze aus Kalk und Moos. In der Begegnung mit dem Ungewissen versuchen wir gar nicht, die Dinge zu verstehen, zu kontrollieren oder effizient zu handhaben. Denn selbst wenn wir alles über die Natur wissen würden, gibt es immer auch diese Momente, in denen wir plötzlich zutiefst berührt oder ergriffen sind von der unergründlichen Mystik dunkler Wurzelhöhlen, vom lautlosen Flug der Waldohreule oder vom Klang der Espen im Wind. Es sind diese scheinbar beiläufigen Momente, in denen dann etwas auf eine einzigartige Weise erscheint und mit uns kommuniziert. Währenddessen geschieht etwas Seltsames mit uns, aber so sehr wir uns bemühen, wir verstehen einfach nicht, was es ist oder was es bedeutet und doch hinterlässt es uns nie unverändert. Die japanische Sprache nennt diesen Zustand „yugen“. Dieses im Grunde unübersetzbare Wort meint „zwischen den Zeilen lesen“, aber auch „ein Verständnis des Universums, welches emotionale Reaktionen auslöst, die zu mysteriös und tiefgreifend sind, um sie in Worte zu fassen“.

Du stehst ganz nah am Wasserfall. Feinste Tröpfchen kitzeln Dein Gesicht. Ein kühler Wind erfasst Dich, drängt sich in Deine Wahrnehmung und erschüttert etwas ganz tief in Dir. Das sind bloß Aerosole des Wassers und die Strömungen der Fallwinde, sagt Dein Verstand, doch in Deiner Seele erklingt etwas ganz anderes. Etwas, was ganz fest zu sein schien und nun langsam zu fließen beginnt. Eine Begegnung, die etwas Unbekanntes in Dir verwandeln wird.

Unbehagliche Ungewissheit

Nun sind wir im Alltag allerdings ständig Ungewissheiten ausgesetzt, in denen sich keinerlei poetische Ergriffenheit einstellen mag. Wir wissen nicht, was unser Kind gerade treibt, ob das Wetter stabil bleibt, ob die Aktien fallen, ob wir krank werden oder gesund bleiben. Wir können nicht wissen, ob die Entscheidungen, die wir treffen, auch die gewünschten Ergebnisse liefern. Selbst unser eigener Verstand ist mit Filtern aus vergangenen Erfahrungen, kulturellen Prägungen und Vorurteilen ausgestattet, die eben nur unsere ausschnitthafte und gefärbte Version von Wirklichkeit zulassen. Genaugenommen gibt es nur sehr wenig, was wir tatsächlich sicher wissen. Ein Großteil des Lebens erschließt sich uns einfach nicht – es findet irgendwo anders statt und bleibt uns wohl in seiner Ganzheit für immer verwehrt.

Das ist ein sehr vager Zustand, den unser eher vorsichtiges Gehirn nicht unbedingt mit Lustgewinn oder Faszination verbindet. Es bemüht sich lieber um klare Sachverhalte, und vermeidet natürlich aus Sicherheitsgründen das nicht Eindeutige. Doch letztlich müssen wir in einer ungewissen, unkontrollierbaren und diffusen Wirklichkeit irgendwie handeln und agieren. Die Psychologie kennt den Begriff der Ambiguitätstoleranz oder einfacher, der Toleranz gegen Ungewissheit. Das Wort beschreibt die menschliche Fähigkeit, widerstreitende Gefühle und Gedanken, verschiedene Positionen, unterschiedliche Wahrheiten, Zwischentöne und uneindeutige Sachverhalte aushalten zu können. Aktuell erleben wir in unserer Gesellschaft jedoch eher eine steigende Intoleranz gegen das Ungewisse, und viele Studien deuten auf einen gravierenden Zusammenhang zwischen dieser Intoleranz und verschiedenen psychischen Leiden hin. Mehrdeutiges wird in einer unsicheren, sich rapide verändernden Gesellschaft immer unangenehmer. Doch umso mehr wir Ambivalenz vermeiden, desto weniger Toleranz können wir dafür aufbringen und geraten schon bei kleinen Uneindeutigkeiten in Aufruhr.

Schwellengänge werfen uns nun aber geradewegs in ein großes Feld der Ungewissheit. Wenn wir uns jetzt bewusst und intensiv auf das Wilde hinter der Schwelle einlassen können, dann kommen wir häufig an den Punkt, an dem das Uneindeutige unseren Weg kreuzt und uns vor große Rätsel stellt, wie eine Sphynx, die weder Mensch noch Tier ist und uns auf die Probe stellen möchte. Nur allzu gern versuchen wir nun, unsere inneren und äußeren Erlebnisse mit einer Bedeutung zu versehen, sie einzuordnen als wichtige oder unwichtige, gute oder schlechte Erfahrung. Wenn uns das nicht gelingt, versuchen wir mit unserer mehr oder weniger ausgeprägten Fähigkeit der Ambiguitätstoleranz diesen Zustand wenigstens auszuhalten. Doch wenn der Schwarzspecht seinen klagenden Ruf in unsere Seele schickt, wenn wir gemeinsam mit der trockenen Erde den warmen Sommerregen in uns aufnehmen und mit ihr weich werden, dann gelingt es uns mit den Geheimnissen des Universums zu verschmelzen, zwischen den Bedeutungen zu schweben und uns auf diese Ungewissheit tief einzulassen..

Über das Einlassen

Uns einlassen heißt, in etwas anderes einzutauchen, aber auch etwas anderem erlauben, ein Teil von uns zu werden.Gewöhnlicherweise besuchen wir die Natur, genießen sie und entspannen darin – als sei sie ein anderer Erlebnisraum, mit dem wir sonst kaum Berührungspunkte haben. Stell Dir aber vor Du bist Arzt, hast Dein Metier jahrelang studiert und in der Praxis gefestigt. Nun besuchst Du ein Krankenhaus, betrachtest fasziniert die modernen Geräte und bestaunst das Talent und die Fertigkeiten der anderen Ärzte. Solange Du jedoch nur als Besucher im Krankenhaus verweilst, können deine Talente, Dein Wissen und Deine Bestimmung nicht zur Entfaltung kommen. Du musst Eintauchen in diese Welt, Dich einlassen, ein Teil von ihr werden, und sie zu einem Teil von Dir werden lassen, damit Du Dein „Arzt-Sein“ auch wirklich leben kannst. Ähnlich verhält es sich mit uns und unserer Naturverbindung. Wir sind Natur. Immer. Doch auch hier müssen wir uns einlassen, damit wir unser „Natur-Sein“ in aller Verbundenheit auch wirklich entfalten und leben können. Einlassen meint, unser Selbstbild, unser Wissen, unser „Verstehen Wollen“ ein Stück aufzugeben, um uns für das Unbekannte zu öffnen und berührbar zu machen. Dann vermischen sich die Existenzen, entsteht ein Kontakt, eine fließende Verbindung und wir gehen mit dem Ungewissen eine lebendige und fruchtbare Beziehung ein.

Vor Dir steht ein Baum. Es ist nur ein Baum und doch unterscheidet sich dieser Baum von den anderen, denn er erscheint gleichzeitig auch in Dir. Seine borkige Rinde erinnert Dich an dein gelebtes Leben und sein Harz erzählt von alten Wunden. Deinen Wunden. Wie kann es sein, dass ihr Euch so ähnlich seid. Wie Geschwister, die sich eine gemeinsame Erfahrung namens Leben teilen. Du empfindest tiefes Mitgefühl und Verbundenheit und gehst weiter deiner Wege.

Von der Angst vor der Ungewissheit zur Poesie des Geheimnisvollen

Eine solches Einlassen hat immer auch eine starke transformative Kraft. Besonders ungewiss ist aber, in welche Richtung wir uns durch dieses Einlassen verändern werden und ob uns das gefällt. Werden wir verletzt? Werden unsere Masken fallen und unsere Schutzmechanismen versagen? Wird Unaufgeräumtes doch noch nach oben steigen? Werden wir als Kräuterweib oder Wurzelsepp plötzlich ein Leben in der Abgeschiedenheit führen wollen? Das Einlassen auf das Ungewisse ist bestimmt nicht ohne Risiko und kann ein ganzes Leben auf den Kopf stellen. Doch letztlich verlieren wir nichts, sondern verbinden uns und werden gemeinsam anders.

Das Gewohnte aufgeben, alles, was wir je geglaubt, gewusst oder angenommen haben loslassen und einen Schritt über die Schwelle gehen. Sich einlassen, sich der Welt zuwenden, ihr zu lauschen, das Erlauschte in sich aufzunehmen, davon berührt zu werden und sich verwandeln lassen, um dann darauf auf eine ganz eigene Art zu antworten. Sei es auf das Vorbeiflattern eines Schwalbenschwanzes, den Ruf eines Käutzchens, oder auf den majestätische Graureiher, der am Bachufer landet. Wenn wir uns auf die Welt hinter der Schwelle mit all ihren Ungewissheiten lustvoll einlassen können, wird das beängstigende Ungewisse zum faszinierenden Geheimnisvollen. Nicht umsonst sprechen die Lakota von „wakan tanka“, dem großen Geheimnis, das in allen Dingen wohnt. Nirgendwo klingt und schwingt es lebendiger, nirgendwo fühlen wir uns verbundener und nirgendwo prickelt so viel unentdecktes Potential wie jenseits der Schwelle. Wagen wir den Schritt ins Ungewisse!

Aus der Praxis

Aus der Praxis: Der Schwellengang eines jungen Mannes hat ihn immer weiter dahin gebracht, dass es für ihn nun ansteht, endlich erwachsen zu werden. Eigene Entscheidungen zu treffen. Erschöpft von seinem Gedankenkarussell legt er sich in eine Erdmulde im Wald. Er wird still und spürt sich in der Erde. Ein Rascheln im Laub hält seine Sinne jedoch wach. Ein Eichkater. Immer näher und näher treibt ihn seine arglose Geschäftigkeit. Schließlich setzt sich der Eichkater auf den Bauch des jungen Mannes, prüft die ungewohnte Weichheit des Wollpullovers und kommt dort zur Ruhe. Für einen kurzen Moment verschmelzen die beiden zur Heilung einer alten Wunde, einem Augenblick des Friedens zwischen Mensch und Wildnis. Ein unbedachtes Augenzwinkern fegt die Magie hinfort. Prompt springt der Eichkater auf die nächste Fichte und klopft mit seinem Schwanz. Auch der junge Mann beginnt zu knurren. Beide starren sich an. Es ist kein Kampf, sondern ein sich Messen und Beweisen in der eigenen Kraft. Was war passiert? Er wusste es nicht. Doch eins war dem jungen Mann klar: Es war die wichtigste Erfahrung in seinem Leben, die alles verändern sollte…

Einen Schwellengang ausprobieren

Ein Schwellengang: Nimm Dir ein paar Stunden Zeit und suche Dir einen schönen Ort in der Natur, den Du gerne erkunden möchtest. Halte Ausschau nach einem guten Startpunkt. Du kannst Dir dort nun eine sichtbare Schwelle mit Ästen oder anderen Naturmaterialien legen, oder nach einer natürlichen Schwelle Ausschau halten. Vielleicht der Eingang zum Wald, zwei Bäume, die ein Tor bilden oder Ähnliches. Nun komm ganz zur Ruhe und bitte innerlich um Einlass. Nimm wahr, was um Dich herum passiert. Vielleicht entdeckst Du Zeichen, die Dir ein „Willkommen“ signalisieren, vielleicht empfindest Du auch einfach eine innere Stimmigkeit. Wenn der Augenblick gekommen ist, verlässt du mit einem ganz bewussten Schritt Deine alltägliche Welt und betrittst das geheimnisvolle Unbekannte. Lass Dich führen, hab kein Ziel und versuche den Dingen keine allzu große Bedeutung zu geben. Lass Dich einfach inspirieren von dem, was sich Dir zeigt. Wenn es an der Zeit ist, gehe zur alten Schwelle oder suche Dir eine Neue und kehre ebenfalls mit einem bewussten Schritt zurück in Deine gewohnte Welt. Was nimmst Du mit aus dem geheimnisvollen Unbekannten? Mache dir ein paar Notizen und lasse das Erlebte noch eine Weile nachwirken…

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Comment

  • Anika Tadge
    January 5, 2024 at 9:06 pm

    Wunder Wunder Schön geschrieben. Ich bemerke, du bist wieder ein Jahr weiser geworden 😉🫶

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